Willkommen in der Nachbarschaft!

Willkommen in der Nachbarschaft!

Liebe Leser*innen,

wussten Sie, dass das Wort „Nachbar“ etymologisch vom „nahen Bauern“ abstammt? Dies stammt aus einer um Zeit, in der in einer breitflächigen Besiedlung unserer Lande der nächste und wichtigste Helfer derjenige war, der zwei Felder weiter seine eigene Landschaft bewirtete.

Mit einem Nachbarn zu leben bedeutet, Kompromisse zu arrangieren, sodass man im Miteinander gut auskommt. Dazu gehört es, seinen Nachbarn entweder gänzlich zu ignorieren, was möglich ist, um sich nicht gegenseitig mit einander befassen zu müssen, oder etwa, ihn kennenzulernen um herauszufinden, wer das ist, mit dem man seinen „Lebensraum“ teilt, und ob man voneinander profitieren kann.

Da uns als ehrenamtlich arbeitender, gemeinnütziger Verein das Ignorieren von Bedürfnissen nicht sonderlich gut liegt – sind wir doch überzeugte Helfer im und vor dem eigenen Haus – möchte ich Ihnen hiermit Jenes näherbringen, das uns alle in den Schulhäusern zurzeit beschäftigt: Wer sind denn diese neuen Nachbarn in der Woelckpromenade Nr. 11, auch bekannt als „Unsere Sporthalle“?

In unseren Landen hört man all zuweilen Floskeln und Redewendungen, die fast jedem augenblicklich ob ihrer rhetorischen Finesse sympathisch erscheinen: „Die Welt zu Gast bei Freunden.“ – der Charakterspruch der Fußball Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland. „Wann, wenn nicht jetzt? Wer, wenn nicht wir?“ – Ein Zitat Primo Levis, „unserem“ Namenspatron, dessen sinnverwandte Worte auch von Leuten genutzt werden, die Handball-Sommermärchen zu erzählen wissen.  Auf den Sport bezogen ist das Einheiten bilden weit verbreitet, auf sozial-empathischer Ebene mag es durch Verunsicherungen nicht immer sofort leicht fallen, Klarheit über seine eigene Einstellung zu finden.

In unserer „Sportstätte“ neben dem Haus B in der Woelckpromenade bewohnen seit dem 19.09.2015 100 Schutzsuchende die uns allen so bekannte Örtlichkeit. (Weitere Informationen: hier) Der Ansturm von Schutzsuchenden auf Deutschland ist momentan riesig, was natürlich Herausforderungen mit sich bringt. Der Winter naht, die Temperaturen sinken, aber die Zahlen der zu verwaltenden Hilfebedürftigen steigen. Was also kann man tun? Man muss Lösungen finden. Lösungen, die schnell und in den Grundaspekten sicher den Flüchtigen helfen, ohne den Heimischen Komplikationen aufzubürden, die sie selbst zu lösen nicht imstande wären.

So liegt die Lösung, Sporthallen für eine Flüchtlingsunterkunft (FUK) zu nutzen, auf der Hand: Die Räumlichkeiten bieten Platz, sanitäre Anlagen sind vorhanden, eine beheizbare Fläche bietet Schutz und Lagermöglichkeiten für Speis, Trank und Grundbedarf sind vorhanden. Die Alternative, schnell viele Menschen zu versorgen, ist das Aufstellen von Zelten. Luftige, nicht beheizbare Freiluftlager, die im anstehenden Winter niemandem Schutz bieten. Die tatsächlich sinnvollste Lösung, schnell für viele Menschen Schutz zu finden, ist das Nutzen von solchen Anlagen wie in der Woelckpromenade 11.

Die Halle wurde von einem Hilfsträger übernommen, der dem Mutterträger „Navitas GmbH“ unterliegt. Die gemeinnützig arbeitenden Mitarbeiter sorgen für etwas heimische Atmosphäre, für Grundversorgung und für ein erstes Gefühl von „Angekommen sein“. Die Schule hat gegenüber dieser Einrichtung keine Verpflichtungen, außer die, zu erkennen, dass dort vorerst Menschen leben. Wir vergessen das nicht: Diese FUK hilft jenen Menschen, die vor dem Bürgerkrieg in ihrem eigenen Land, in ihrer ehemaligen Heimat, fliehen, eine neue Heimat zu finden. Die Maximalkapazität, die die Halle erreichen wird, liegt bei 100 Menschen.

Ich hatte das Privileg, einige dieser Menschen kurz kennenzulernen, und habe mich mit dem Verantwortlichen der FUK, Herrn Senf, unterhalten.

Der „Paritätische Wohlfahrtsverband Berlin“, der auch hinter den Verantwortlichen der FUK steht,  hat sich der Aufgabe verschrieben, „Humanitäre Verantwortung und Hilfsbereitschaft“ auszustrahlen und zu auszuleben. Sie bilden die Administrative und das Gesicht, das für den Kontakt, die Integration und den Schutz der Hilfesuchenden Flüchtigen zuständig ist.

In dem Gespräch mit Herrn Senf am 19.09.2015 lernte ich in ihm einen aufopferungsvoll arbeitenden Helfer kennen. Seit den frühen Morgenstunden arbeitete er, auch zusammen mit der Bundeswehr, daran, die Halle entsprechend der Ansprüche einzurichten. So wurden in ihr zwei Bereiche geschaffen, bei dem in einem 100 Feldbetten aufgestellt wurden und im restlichen Hallenbereich ein Holzboden verlegt wurde, um den Boden für die spätere Sporthallennutzung schützen zu können.

Das Gespräch, welches wir führten, während die Ankömmlinge ihr erstes Mittagessen in ihrem Zwischen-Zuhause zu sich nahmen, offenbarte viele äußerst positive Eindrücke.
Die Bewohner wirken durchweg freundlich, wenn auch ob ihrer langen Reise sehr erschöpft. Man sieht ihnen die Erleichterung, „angekommen zu sein“, an. Einige der Sicherheitskräfte sprechen arabisch und dienen somit als erster Kontaktfilter zur neuen Umgebung.

Es wurde klargestellt, dass die Aufnahmegrenze bei maximal 100 Flüchtlingen liegt. Diese Größe ist inzwischen erreicht und wird nicht aufgestockt. Die Gruppe setzt sich zusammen aus jungen, wie älteren Menschen, viele aus Syrien stammend. Ebenfalls viele sind der englischen Sprache mächtig, denn hauptsächlich sind die neuen Bewohner Angehörige der mittleren und oberen Bildungsschicht. Unter ihnen befinden sich Akademiker, Architekten und andere helle Köpfe. Die Altersstufe hingegen ist durchmischt – von Kindern bis älteren Erwachsenen findet sich fast jede Altersstufe – so sind auch einige Flüchtlinge mit stärkeren körperlichen Beeinträchtigungen wohnhaft.

Herr Senf äußerte sich darüber hinaus äußerst positiv zu der bisherigen Resonanz in der Nachbarschaft. Viele Nachbarn kommen vorbei, um Kleiderspenden, Essen, Trinken, Süßigkeiten und mehr vorbeizubringen. „Einfach so, das ist schon echt klasse. Das läuft hier alles besser, als ich es erwartet hätte“, so Herr Senf. Und fürwahr: Auch während unseres Gespräches werden wir immer wieder unterbrochen, weil Spender koordiniert werden müssen. Noch im Gespräch darüber, dass die Flüchtlinge außerhalb der FUK an Armbändern zu erkennen seien, die zu ihrer Registrierung dienen, sodass kontrolliert werden kann, wer das Gelände betritt und verlässt, wird die Priorität umgelenkt: Ein Flüchtlingskind benötigt dringend ärztliche Unterstützung, da es sich mit Fieber und Durchfall quält. Unser Gespräch ist damit zwar beendet, aber unsere guten Eindrücke und Sympathien haben sowohl die Verantwortlichen, als auch die wahrscheinlich seit langer Zeit erstmals glücklich wirkenden Bewohner, gewonnen.

Die Eindrücke, die ich gewann, bewegen mich, diese Zeilen für Sie zu schreiben. Bei unserer Schule bietet sich diese Hilfe für Menschen auch deswegen an, weil wir in diesem „Notfall“ auf zwei Turnhallen im Haus A zurückgreifen können. Für uns liegt die Sache hier auf der Hand: Das Humane muss vorgehen. Es sind Menschen, die unsere Hilfe brauchen – oder einfach nur darauf hoffen, nicht von uns abgelehnt zu werden.

Wenn Sie, liebe Leser*Innen das Bedürfnis haben, direkt vor Ort als Helfer in Erscheinung zu treten, weise ich auf die entsprechenden Internetseiten hin. Informieren Sie sich bitte auf http://www.pankow-hilft.de/ über aktuelle Hilfsaktionen. Auf der Internetseite http://www.pankow-hilft.de/weissensee/spenden-an-weissensee/ können Sie direkt einsehen, in welcher FUK noch Bedarfsgüter gebraucht werden. Wenngleich darauf steht, dass die Lager in der Woelckpromenade voll sind: Der ein oder andere Spielball wurde sich dennoch gewünscht. Schließlich gehört zum Areal ein Fußballfeld mit Basketballkörben. „Wenn wir das noch richtig nutzen können, hätten wir hier richtig Spaß“, heißt es. Na dann, Ihr Hilfesuchenden. Herzlich Willkommen in der Nachbarschaft.

Robert Schenk
Vorstand Förderverein Primo-Levi-Gymnasium

 

Titelbild: Lari, von Lari und die Pausenmusik, spielte auf dem von Schüler*innen organisierten Akustik-Abend am 15.05.2014 und gab auch damals bereits einen klares Statement ab, hinter dem der Förderverein der Primo-levi-Schule voll und ganz steht.

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